Die Medizin geht verloren – es regiert der Gewinn
Was ist eigentlich eine Arztpraxis? Wikipedia schreibt dazu: „eine Arztpraxis umfasst die Räumlichkeiten eines niedergelassenen (praktizierenden) Arztes. Eine Arztpraxis ist ein freiberuflicher Wirtschaftsbetrieb.“ Von dieser Definition dürfte niemand wirklich überrascht sein.
Daher gleich die zweite Frage: Was ist eigentlich ein medizinisches Versorgungszentrum? Wir lesen wieder bei Wikipedia nach: „ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) ist eine mit dem GKV-Modernisierungsgesetz vom 14. November 2003 eingeführte Einrichtung zur ambulanten medizinischen Versorgung. In medizinischen Versorgungszentren können beliebig viele zugelassene Ärzte oder Psychotherapeuten im Angestelltenverhältnis arbeiten, was in den herkömmlichen Praxen nur sehr eingeschränkt erlaubt ist. MVZ können fachübergreifend Fachärzte unterschiedlicher Richtungen und psychologische Psychotherapeuten beschäftigen oder nur aus Ärzten einer Fachrichtung bzw. nur aus Psychotherapeuten bestehen.“ Da es das MVZ also erst seit etwas über 20 Jahren gibt, ist es bis heute weithin unbekannt, wie es sich von einer normalen Arztpraxis unterscheidet. Vereinfacht gesagt: Man muss kein Arzt, keine Ärztin sein, um ein MVZ zu gründen. Gemeinnützige Träger, Kommunen, Versicherungen und andere mehr können ein MVZ gründen. MVZs sollen kostengünstiger arbeiten, engere Kooperationen ermöglichen und Verwaltung von der Medizin trennen. Das war jedenfalls die gute Absicht.
Kommen wir also zur dritten Frage: Wer ist Medicover? Nie gehört! Und dennoch: Medicover ist seit seiner Gründung 1995 in Schweden ein führender Anbieter von Gesundheitsleistungen geworden, mit Niederlassungen in Polen, Deutschland, in der Ukraine, Rumänien und Indien. Medicover verfügt über ein riesiges Netzwerk in neun Ländern mit 184 medizinischen Zentren, 42 Apotheken, 42 Krankenhäusern, 115 zahnmedizinischen Zentren und vielem anderem mehr.
Und jetzt die vierte und entscheidende Frage: Was hat denn das alles miteinander zu tun? „Liebe Patientinnen und Patienten, liebe Eltern, wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass unsere Kinder- und Jugendheilkunde bis spätestens Ende November 2025 schließt. Wir bitten Sie, sich eine neue Kinderarztpraxis zu suchen.“ Medicover unterhält im Frankfurter Westend ein MVZ mit neun Behandlungsbereichen, darunter auch die Kinder- und Jugendmedizin, letztere aber eben nur noch wenige Wochen.
Über die Gründe kann man nur spekulieren. Medicover sagt, dass mit ihren Personalressourcen eine verlässliche Akutversorgung nicht mehr tragfähig sei. Eine seltsame Formulierung ist das. Da leuchtet es doch schon eher ein, dass mit der Kinder- und Jugendmedizin kein großes Geld verdient werden kann. Sie ist durch eine überholte Gebührenordnung chronisch unterfinanziert, und die Medizin mit den kleinen Menschen ist sehr zeit- und personalaufwändig. Private Träger wie Medicover dulden aber keine ewig roten Zahlen, sie sind auch nicht zu einer Querfinanzierung bereit. Also werden sich jetzt rund 2400 kleine Patient:innen mit ihren Eltern auf die Suche nach einer neuen Kinderarztpraxis machen müssen. Sie sind nicht zu beneiden, denn Kinderarztpraxen sind in Frankfurt hoffnungslos überlaufen, sie nehmen keine neuen Patient:innen mehr an. Was nun?
Der Widerstand gegen die immer rascher zunehmende Privatisierung im Gesundheitswesen, in den Versorgungszentren und den Krankenhäusern, wird oft als Ausdruck einer „linken“ politischen Haltung abgetan. Das trifft aber nicht zu. Private, profitorientierte und börsennotierte Gesundheitskonzerne haben an Gesundheit nur insoweit Interesse, als sie Gewinn verspricht. Wenn das nicht der Fall ist, wie eben in der Kinderheilkunde, bedauert man, uns mitteilen zu müssen, dass die Schließung bevorsteht.
Dafür gibt es nur eine Lösung: das Gesundheitswesen gehört insgesamt und ohne Abstriche zur staatlichen Daseinsvorsorge. Gewinne müssen andere und woanders machen.
Von Bernd Hontschik, Frankfurte Rundschau 04.10.25